Donnerstag, 13. Januar 2011

Die nächsten Tage....

.... sollten die anstrengensten und aufregendsten für uns alle werden.

Cherry war so aufgeregt und unruhig, dass sie kaum zur Ruhe kam, rannte die ganze Zeit herum, lief und lief und lief. Die ihr angebotenen Hundeliegeplätze ignorierte sie, wollte sie nicht annehmen. Das erste Futter am ersten Abend konnte oder wollte sie nicht fressen. Sie hatte Angst. Sie war total aufgeregt, wusste nicht so richtig, was sie mit dem Trockenfutter anfangen sollte. Den Napf mied sie.
Am nächsten Morgen versuchte ich es mit einem Trick und machte das Futter leckerer für sie. Ich weichte das TroFu in Würstchenwasser ein. Sie fraß so nun zumindest einen kleinen Teil.



Der erste Morgen im neuen Garten

Bei Maggi suchte Cherry immer wieder Schutz


und Maggi ließ es GsD immer mehr zu!






Samstag, 8. Januar 2011

Erstmal ankommen...

Nach einer zweistündigen Autofahrt kamen wir endlich mit unserem Schützling Zuhause an. Das erste Kennen lernen mit unserer Maggi im Garten verlief eher reserviert. Maggi war 'not amused' über die 'Neue' und hatte auch so gar keine Lust sie an die Pfote zu nehmen. Das was bisher immer so gut geklappt hatte, schien bei Cherry erstmal ganz anders zu werden.

Maggi konnte ganz offensichtlich nicht mit Cherrys Änglichkeit und Unsicherheit umgehen. Es verunsicherte sie scheinbar selbst. In den folgenden Monaten stellten wir dieses Verhalten immer wieder auch bei anderen Hunden fest, denen wir zum ersten Mal mit Cherry begegneten.


Erstes Kennen lernen mit Maggi im Garten
Sogar an den Hüftknochen waren Liegeschwielen

Im Garten ließen wir Cherry erstmal mit der langen Schleppleine laufen. Unser Garten ist ausbruchssicher eingezäunt. Nichtsdestotrotz war mir nicht ganz wohl dabei, sie direkt so im Garten herumlaufen zu lassen. Außerdem wäre ein Herankommen an sie ohne Leine nicht mehr möglich gewesen. Cherry rannte die ganze Zeit unruhig im Garten herum, schnüffelte zwar ein wenig, aber beruhigen konnte sie sich so gar nicht. Vor uns Menschen hatte sie unglaubliche Angst. Sowie wir einen Schritt in ihre Richtung machten, ergriff sie die Flucht. Sprang in die 10-Meter Leine und riss uns dabei fast mit sich. Auch an Pipi war in den ersten Stunden nicht zu denken. 

'Alles scheiße hier'

Cherrys Verhalten zeigte uns ganz deutlich, dass sie mit dem Ortswechsel erstmal nicht zurecht kommen würde und uns war klar, dass wir sehr viel Geduld und Ruhe in die ganze Sache bringen mussten. Wir bemühten uns gerade in den ersten Stunden Cherry nur anhand unserer Körpersprache klar zu machen, dass wir keine Gefahr für sie sein würden. Aber sie verstand es nicht. Zum einen wohl, weil sie bisher mit Menschen nur negative Erfahrungen gemacht hatte und zum anderen, weil sie wohl einfach auch viel zu aufgeregt war, um Neues aufnehmen zu können.

Außerdem zeigte Cherry in der Anfangszeit nur sehr wenige Beschwichtigungssignale.
Kein Gähnen, kein Züngeln, kein Blinzeln, auch keine kleinsten Abstufungen davon. Anfangs verunsicherte mich das sehr. Ich suchte nach anderen Signalen bei ihr. Jeder Hund ist ja anders und jede Rasse hat bekanntlich ihre eigene Sprache. Vielleicht hatte Cherry auch eine eigene?

Schnüffeln, sich abwenden, wegdrehen und sich ducken bzw. sich bewegungslos auf den Boden fallen lassen waren die einzigen Beschwichtigungen die sie uns zeigte.

Vielleicht auch, weil sie alles andere verlernt hatte oder in großen Stresssituationen sich nur noch auf das wesentliche, überlebenswichtige, konzentrieren konnte. Für uns Menschen auf jeden Fall die deutlichsten Signale.

(c) Hilke-Inse Heldt

Freitag, 7. Januar 2011

Der Weg nach Hause

Cherry's Weg in die Freiheit beginnt auf der Rücksitzbank unseres Golf Kombis. Unruhig, ängstlich, nervös, panisch und völlig verstört war sie, als wir sie in Bielefeld bei einer Tierschutzkollegin abholten. Raus aus dem einen Auto und rein in unseres. Ein Akt der Unmöglichkeit, weil wir alles riesen große Angst hatten, Cherry konnte sich aus dem Geschirr winden und weglaufen.


Als wir sie dann endlich im Kombikofferraum untergebracht hatten und entsprechend mit mehreren Leinen gesichert hatten, konnten wir nach Hause starten. Wir waren vielleicht 2 Minuten unterwegs, da beschloss Cherry über die Rücksitzbank zu klettern und lieber auf der Rückbank zu bleiben.



Wo die Reise wohl hingeht?!

Am Anfang der Fahrt was Cherry sehr stark gestresst.

Deutlich zu erkennen, das Gelenk am Vorderbei und der Oberschenkel hinten weisen schmerzhafte Verletzungen bzw. Veränderungen auf.

Nach einiger Zeit hatte sich Cherry soweit beruhigt, dass sie ruhig liegen konnte.....

und sogar ihren Kopf ablegen konnte.


Die Gesäugeleiste ist schon sehr ausgeleihert; zum Teil sind die Zitzen schwarz verfärbt.
Auch hier nochmal deutlich die Veränderungen an den Vordergelenken zu erkennen.
Ihr Fell sah stumpf und glanzlos aus; sie stank wie ein Iltis nach dreckigem Stall, Urin, Kot.

(c) Hilke-Inse Heldt

Cherry

Unser Labrador Retriever Hündin Cherry kam am 06.03.2010 als Pflegehund zu uns. Ursprünglich wollten wir sie als Pflegestelle auf ein neues Leben in einer neuen Familie vorbereiten und dann weitervermitteln. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt;-).

Cherry ist eine Vermehrerzuchthündin, die in ihrem Leben Welpen 'produzieren' musste. Sie stammt aus einem Vermehrerbetrieb hier in Deutschland.

Über ihr Vorleben wissen wir nur soviel, dass dort so um die 50 Zuchthunde gehalten werden. Sie leben in Zwingern, haben aber auch Auslauf in einem eingezäunten Bereich. Dort werden nicht nur Labbis 'gezüchtet', auch Beagle und andere Rassen.

Wie viele Würfe Cherry nun ganz genau hatte, wurde uns nicht gesagt. Wir bekamen vorab nur die Infos, dass Cherry eine gelbe Labrador Hündin wäre und dass sie extrem ängstlich sein soll. Und ihr Alter, 6 Jahre, waren bekannt.

Als wir Cherry also abholten, waren wir zwar auf eine ängstliche Hündin eingestellt, aber auf einen Hund, der sowohl körperlich als auch geistig in einem derartig desolaten Zustand war, damit hatten wir nicht gerechnet. Das volle Ausmaß von Cherrys Ängsten wurde uns auch erst später bewusst.

Normalerweise sind Zuchthündinnen anfangs zurückhaltend, ja auch ängstlich oder panisch. Das ist normal, dass sie vor Menschen erstmal zurückschrecken. Oft wurden ihnen schlimme Dinge angetan.
Über Cherry bekamen wir noch zusätzlich die Info, dass sie bis zu ihrem 1. Lebensjahr bei jemand anderem gelebt hätte und dann erst an die 'Zuchtstätte' gegeben wurde. Angeblich wurde sie in ihrem 1. Lebensjahr geschlagen und misshandelt, was die extreme Ängstlichkeit begründen sollte.

Demnach hat der Vermehrer Cherry 5 Jahre lang in diesem seelischen Zustand belassen, scheinbar ohne eine Verbesserung für sie herbeizuführen. 
In Deutschland werden Zuchtstätten auch von Amtstierärzten aufgesucht und kontrolliert. Solch ein Tier in so einem geistigen Zustand zu belassen, ohne auch nur Ansatzweise eine Verbesserung herbeizuführen, ist mehr als grob fahrlässig. Tierschutzrelevant sowieso, aber im Grunde interessiert es ja niemanden. Ein Welpenkäufer bekommt so eine misshandelte Mutterhündin in den wenigsten Fällen zu sehen. Und selbst wenn, interessiert es ihn dann leider auch nicht.

Davon mal abgesehen, dass wir das Märchen mit der Misshandlung im 1. Lebensjahr durch eine fremde Person nicht glauben wollen. Vermehrer gehen in der Regel nie freundlich mit ihren Tieren um. Das sind Produkte, die ein anderes Produkt herstellen - den Welpen, den man gewinnbringend verkaufen will! Zuchthunde werden schlecht gehalten, bekommen billiges, minderwertiges Futter, tierärztlich oft nicht versorgt oder nur unzureichend. Seelisch werden diese Hunde oft einfach nur kaputt gemacht. Geschlagen, getreten, misshandelt, traumatisiert, gefügig gemacht.

Ich möchte nun hier die Geschichte von Cherry erzählen. Diese Hündin hat viel durchgemacht in ihrem Leben. Für einen Hund alleine eigentlich viel zu viel. Cherry's Geschichte ist leider auch eine von vielen Geschichten über ehemalige Zuchthündinnen, denn Zuchthündinnen wie Cherry gibt es leider wie Sand am Meer! Und leider auch hier in Deutschland.

Cherry wurde uns übrigens über den Verein Retriever und Freunde e.V. als Pflegehund anvertraut und später vermittelt.
Infos über den Verein gibt's unter http://www.retriever-und-freunde.de/


(c) HIlke-Inse Heldt